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KI-gestützte Preisstrategien im E-Commerce: Stand der Forschung und zentrale Erkenntnisse

Einleitung

Preisentscheidungen zählen im E-Commerce zu den zentralen Werkzeugen für Umsatz, Profitabilität und Wettbewerbsfähigkeit. Digitale Märkte sind durch hohe Preistransparenz, volatile Nachfrage und intensiven Wettbewerb geprägt, wodurch statische Preisansätze wie Cost-Plus- oder regelbasierte Wettbewerbsmodelle zunehmend an ihre Grenzen stoßen [1], [7]. Vor diesem Hintergrund gewinnen KI-gestützte Preisstrategien an Bedeutung, da sie große Datenmengen verarbeiten, Kundenreaktionen lernen und Preise kontinuierlich auch in Echtzeit anpassen können [1], [12]. Es wird untersucht, welche KI-basierten Preisansätze im E-Commerce eingesetzt werden und welche Leistungswirkungen sowie Zielkonflikte sie aufweisen.

Grundlagen moderner Preisstrategien

Von statischen zu dynamischen Preisen

Traditionelle Preisstrategien basieren häufig auf historischen Daten und festen Annahmen über Nachfrage und Wettbewerb. Diese Ansätze sind in dynamischen Online-Märkten nur eingeschränkt geeignet, da sie kurzfristige Marktveränderungen nicht abbilden können [7]. Dynamische Preisgestaltung verfolgt dagegen das Ziel, Preise in Echtzeit an Nachfrage, Wettbewerb und Kundenverhalten anzupassen [7], [12].

Dynamische Preise ermöglichen es Unternehmen, sowohl preisempfindliche Kunden in nachfrageschwachen Phasen anzusprechen als auch höhere Margen in nachfragehohen Phasen zu realisieren [12]. Insbesondere im E-Commerce hat sich dieser Ansatz branchenübergreifend als reale Option herausgestellt [7].

Preisdifferenzierung im E-Commerce

Ein zentrales Konzept moderner Preisstrategien ist die Preisdifferenzierung. Sie beschreibt die Praxis, identische Produkte zu unterschiedlichen Preisen anzubieten, ohne dass sich die Grenzkosten unterscheiden [8]. KI-Systeme ermöglichen sowohl direkte als auch indirekte Preisdifferenzierung auf Basis beobachtbarer oder abgeleiteter Kundeneigenschaften [8].

Datengetriebene KI-Preise

KI im E-Commerce erlaubt es Preisentscheidungen datenbasiert und adaptiv vorherzusagen. Anstelle fester Regeln analysieren KI-Systeme Verkaufsdaten, Wettbewerberpreise, Kundenverhalten und externe Faktoren in Echtzeit [7], [12]. Diese Entwicklung wird in der Literatur als Übergang zu „Pricing Intelligence 2.0“ beschrieben [5].

Durch Machine Learning und Predictive Analytics können Unternehmen Nachfrageentwicklungen berücksichtigen und Preise nicht nur reaktiv, sondern vorausschauend steuern [5], [7].

Zentrale KI-Ansätze für die Preisgestaltung

Maschinelles Lernen als Basis

Maschinelle Lernverfahren bilden die Basis moderner Preissysteme, indem sie aus historischen Daten systematisch Zusammenhänge zwischen Preisniveau, Nachfrageverhalten und Umsatz ableiten. Überwachte Lernverfahren werden dabei mit bekannten Zielgrößen (z. B. Absatz oder Umsatz) trainiert und lernen, wie sich Preisänderungen auf diese Zielgrößen auswirken. Unüberwachte Verfahren analysieren hingegen Kauf- und Verhaltensmuster ohne vorgegebene Labels und identifizieren Kundensegmente mit unterschiedlicher Preissensitivität [1], [12].

Ensemble-Methoden und neuronale Netze sind besonders geeignet nichtlineare Effekte zu modellieren. Schwellenwerte oder Sättigungseffekte, bei denen kleine Preisänderungen große Nachfrageverschiebungen auslösen, können so gut gelernt werden [1].

Reinforcement Learning zur Preisoptimierung

Reinforcement Learning (RL) stellt einen der leistungsstärksten Ansätze für dynamische Preisentscheidungen dar, da Preise nicht isoliert, sondern als sequenzielle Entscheidungen modelliert werden. Ein RL-Agent wählt Preise als Aktionen, beobachtet daraufhin Kundenreaktionen (z. B. Kauf oder Nichtkauf) und erhält eine Belohnung in Form von Umsatz oder Gewinn. Ziel ist es, durch wiederholte Interaktion eine Preisstrategie zu lernen, die den langfristigen Ertrag maximiert [2], [3].

Empirische Studien zeigen signifikante Steigerungen bei Umsatz, Conversionrate und Gewinn im Vergleich zu statischen oder regelbasierten Ansätzen. RL-Modelle finden neue und profitable Preisstrategien durch ihren Exploration und Exploitation Trade-Off [2].

Besonders Deep-Reinforcement-Learning-Modelle wie Actor-Critic oder Deep Q-Networks ermöglichen es, komplexe Zustände (z. B. Nachfragehistorie, Lagerbestand, Zeit) zu berücksichtigen und Preise flexibel an Markt- und Nachfrageschwankungen anzupassen [2], [12].

Deep Learning und neuronale Netze

Tiefe neuronale Netze ermöglichen eine hochgenaue Nachfrageprognose, indem sie komplexe Wechselwirkungen zwischen Preis, Kontextvariablen und Kundenmerkmalen erfassen.
Durch mehrere nichtlineare Schichten können diese Modelle individuelle Zahlungsbereitschaften approximieren und Preise präzise anpassen [1], [4].

Empirische Studien belegen deutliche Umsatzsteigerungen gegenüber linearen Regressionsansätzen. Dies ist den Deep-Learning-Modellen durch Erfassung komplexer Muster wie Interaktionen zwischen Kundenprofil und Preissignalen möglich [1], [6].

Predictive Analytics und Nachfrageprognosen

Predictive-Analytics-Modelle dienen der vorausschauenden Einschätzung zukünftiger Nachfrage und bilden damit eine zentrale Entscheidungsgrundlage für die Preisfestlegung.
Zeitreihenbasierte Verfahren wie rekurrente neuronale Netze oder LSTM-Modelle erfassen dabei zeitliche Abhängigkeiten wie z.B. Saisonalität, Trendwechsel oder kurzfristige Nachfrageimpulse [12]. Durch präzisere Prognosen können Preise frühzeitig angepasst werden, was Fehlanpassungen, wie z.B. Über- oder Unterpreisung, deutlich reduziert.

Kundensegmentierung und Personalisierung

KI-gestützte Clustering-Verfahren segmentieren Kunden auf Basis von Kaufhistorie, Preisreaktionen und Verhaltensmustern. Diese Segmente repräsentieren unterschiedliche Zahlungsbereitschaften und Preissensitivitäten und bilden die Grundlage für personalisierte Preise oder differenzierte Angebotsstrategien [4], [12].

Empirische Ergebnisse zeigen, dass auf Segment-basierte Preisstrategien signifikant höhere Erlöse erzielen als normale Preismodelle, da Preisanpassungen gezielt auf das jeweilige Kundensegment abgestimmt werden können [10].

Modellierung der Preiselastizität

Moderne KI-Modelle erfassen Preiselastizität nicht als statischen Parameter, sondern kontextabhängig und dynamisch. Studien aus dem Tourismus- und Airline-Sektor zeigen, dass Preisreaktionen stark vom Kundentyp, dem Buchungszeitpunkt sowie der Angebotsstruktur abhängen [10], [11].

KI-Modelle integrieren diese Faktoren explizit in die Entscheidungslogik, wodurch feste Preisstrategien vermieden und situationsabhängig optimale Preise gesetzt werden können. Einheitliche Preisstrategien führen daher häufig zu suboptimalen Ergebnissen [10].

Ethische und rechtliche Herausforderungen

Transparenz und Preisfairness

KI-basierte Preisdifferenzierung kann von Konsumenten als unfair wahrgenommen werden, insbesondere wenn Preisunterschiede nicht nachvollziehbar sind [8]. Transparente Kommunikation über Preislogiken erhöht nachweislich die Akzeptanz dynamischer Preise [12].

Würden Sie dynamische Preise im E-Commerce akzeptieren, wenn dies komplett transparent erklärt werden?Diese Umfrage untersucht, ob transparente Kommunikation die Akzeptanz dynamischer Preise im E-Commerce erhöht.

Datenschutz und Regulierung

Personalisierte Preise greifen häufig auf personenbezogene Daten zurück und bewegen sich in einem rechtlich sensiblen Umfeld. Studien weisen auf potenzielle Konflikte mit Datenschutzvorgaben wie der DSGVO hin [9]. Die EU-Richtlinie 2019/2161 verpflichtet Unternehmen Verbraucher über automatisierte personalisierte Preise zu informieren [8].

Selbstregulierung und Verantwortung

Unternehmen reagieren zunehmend mit freiwilligen ethischen Leitlinien, um Diskriminierung und Vertrauensverluste zu vermeiden. Branchenbeispiele zeigen, dass Selbstregulierung als Ergänzung zu formaler Regulierung eingesetzt wird [8], [12].

Diskussion der Ergebnisse

Theoretische Implikationen

Die Literatur bestätigt, dass der Vorteil KI-gestützte Preisstrategien in der Modellierung heterogener Nachfrage liegt. Preisoptimierung wird weniger als statisches Optimierungsproblem verstanden, sondern als kontinuierlicher Lernprozess [2], [10]. Reinforcement Learning verändert klassische Annahmen der Preistheorie, indem Preise adaptiv und kontextabhängig entstehen [3].

Methodische Grenzen

Viele Studien basieren auf Simulationen oder kurzfristigen Feldexperimenten. Langfristige Effekte auf Kundenvertrauen, Marktstruktur und Wettbewerb sind bislang unzureichend erforscht [2], [12]. Zudem stehen leistungsstarke Modelle häufig im Trade-off zwischen Genauigkeit und Erklärbarkeit [6].

Fazit und Ausblick

KI-gestützte Preisstrategien bieten im E-Commerce erhebliche Potenziale zur Umsatz- und Effizienzsteigerung. Besonders segment- und lernbasierte Ansätze übertreffen traditionelle Preisstrategien konsistent [1], [2], [10]. Gleichzeitig zeigen sich Konflikte zwischen Profitabilität, Transparenz und Kundenakzeptanz.

Zukünftige Forschung sollte verstärkt langfristige praktische Anwendungen und die Interaktion zwischen KI-Preisen und strategischem Kundenverhalten untersuchen [2], [12]. Damit bleibt KI-gestützte Preisgestaltung ein zentrales, aber auch verantwortungsvolles Tool digitaler Märkte.

Quellen

[1] Ande, K., & Solanki, D. (2025). Machine Learning for Retail Pricing Optimization. Journal of Quantum Science and Technology, 2. https://doi.org/10.63345/jqst.v2i2.273
[2] Ameli, S., Ataei, S., Nikzat, P., Alikaram, G., & Ataei, S. (2025). Deep Reinforcement Learning for Dynamic Pricing Strategies: Empirical Evidence from E-Commerce Platforms. International Journal of Science and Engineering Applications, 14, 20–28. https://doi.org/10.7753/IJSEA1411.1006
[3] Apte, M., Datar, P., Kale, K., & Deshmukh, P. R. (2025). Dynamic Retail Pricing via Q-Learning—A Reinforcement Learning Framework for Enhanced Revenue Management. 2025 1st International Conference on AIML-Applications for Engineering & Technology (ICAET), 1–5. https://doi.org/10.1109/ICAET63349.2025.10932302
[4] CHAUDHARY, G. (2025). AI In Dynamic Pricing: Strategy and Consumer Perception. INTERNATIONAL JOURNAL OF SCIENTIFIC RESEARCH IN ENGINEERING AND MANAGEMENT, 09, 1–9. https://doi.org/10.55041/IJSREM50720
[5] Gobi, N., Mamidi, P. L., & Gurucharansingh. (2025). (PDF) Pricing Intelligence 2.0: AI’s Disruptive Impact on Market Strategies. ResearchGate. https://doi.org/10.64252/jpwba035
[6] Das, P., Pervin, T., Bhattacharjee, B., Md Razaul, K., Sultana, N., Khan, M., Hosien, M., & Kamruzzaman, F. (2024). OPTIMIZING REAL-TIME DYNAMIC PRICING STRATEGIES IN RETAIL AND E-COMMERCE USING MACHINE LEARNING MODELS. The American Journal of Engineering and Technology, 06, 163–177. https://doi.org/10.37547/tajet/Volume06Issue12-15
[7] Kumar, B. R. (2024). Impact of AI (Artificial Intelligence) on Pricing Strategies in Retail. Frontiers in Health Informatics, 13, 7481–7502.
[8] Heidary, K., Custers, B., Pluut, H., & van der Rest, J.-P. (2022). A qualitative investigation of company perspectives on online price discrimination. Computer Law & Security Review, 46, 105734. https://doi.org/10.1016/j.clsr.2022.105734
[9] Li, Z. (2022). Affinity-based algorithmic pricing: A dilemma for EU data protection law. Computer Law & Security Review, 46, 105705. https://doi.org/10.1016/j.clsr.2022.105705
[10] Pérez-Ricardo, E. del C., & García-Mestanza, J. (2025). Exploring booking intentions through price elasticity of demand in tourism accommodations using large-scale data analytics. European Research on Management and Business Economics, 31(1), 100271. https://doi.org/10.1016/j.iedeen.2025.100271
[11] Thirumuruganathan, S., Emadi, N. A., Jung, S., Salminen, J., Robillos, D. R., & Jansen, B. J. (2023). Will they take this offer? A machine learning price elasticity model for predicting upselling acceptance of premium airline seating. Information & Management, 60(3), 103759. https://doi.org/10.1016/j.im.2023.103759
[12] YARLAGADDA, K. (2025). AI-driven dynamic pricing: Optimizing revenue in digital marketplaces. World Journal of Advanced Engineering Technology and Sciences, 15, 2147–2157. https://doi.org/10.30574/wjaets.2025.15.2.0681
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