Blended Learning im E-Commerce an der FH Wedel

Durch die Digitalisierung wurden mehr Möglichkeiten geschaffen, die Lehre zu gestalten. Doch seit vielen Jahren wird weiterhin an den klassischen synchronen Lehrformen festgehalten. Jeder muss zu festen Zeiten zum Veranstaltungsort und die Materialien werden hauptsächlich in Papierform bereitgestellt. Die Covid-19 Pandemie änderte dies schlagartig und die Lehre an der FH Wedel wurde nun digital durchgeführt. Doch was ist Blended Learning überhaupt? Wie sehen die Studenten die neue Art der Lehre? Und an welchem konzeptionellen Leitfaden können sich Lehrende orientieren?

Blended Learning beschreibt eine Mischung aus synchronen und asynchronen Lehrformen. Bei den synchronen Inhalten befinden sich Teilnehmer und Lehrpersonen zu einer festen Zeit an einem Ort. Es kann sich somit um face-to-face Formate in Präsenz handeln oder um Live Veranstaltungen in einem virtuellen Raum. Die asynchronen Inhalte werden dadurch charakterisiert, dass sie jederzeit abgerufen werden können und digital zur Verfügung stehen.

Durch die Mischung beider Lehrformen ergeben sich eine Vielzahl an Vorteilen. Durch die Flexibilität der Bearbeitung der asynchronen Inhalte kann jeder Teilnehmer in seinem individuellen Tempo arbeiten und eigenständig entscheiden, ob bspw. ein Vorkurs benötigt wird, welche Inhalte intensiver bearbeitet werden sollten oder welche bereits sicher im Wissenstand verankert sind. Synchrone Inhalte dagegen sorgen für eine soziale und kommunikative Komponente, da sie Raum schaffen für Gruppenarbeiten, Diskussionen oder Fragen der Teilnehmer. Diese Interaktionsmöglichkeiten sind besonders wichtig, um ein Gemeinschaftsgefühl und Vertrauen unter den Teilnehmern und Lehrpersonen aufzubauen.

Im Rahmen von Blended Learning treten jedoch auch einige Nachteile auf. Dazu gehören technische Probleme (fehlende Hardware, Internetprobleme, fehlerhafte Software) oder Probleme mit dem Datenschutz (Datenschutzbestimmungen der Lehrsoftware, Privatsphäre der Teilnehmer und Lehrenden). Außerdem müssen die reinen face-to-face Konzepte vom Lehrpersonal komplett überarbeitet werden. Denn die neue Lehrform bedarf anderer Didaktik, Methodik und Motivation der Teilnehmer.

Umfrage über die digitale Lehre (n = 59)

Mit Hilfe einer Online Umfrage speziell an die E-Commerce Studenten der FH Wedel wurde die aktuelle Umsetzung der neuen Lehrform untersucht. Insgesamt sind die Teilnehmer zu 90% zufrieden mit der Realisierung. Lediglich Teilnehmer aus dem Master sind nicht durchweg zufrieden – nehmen aber größtenteils immer an den Veranstaltungen der Hochschule teil (76%), während dies nur für rund die Hälfte der Teilnehmer aus dem Bachelor gilt (47%).

Bei den verwendeten Methoden wird von den Lehrpersonen im Bachelor sowie Master auf einen Methodik-Mix gesetzt. So wurden extra vorproduzierte Vorlesungen und aufgezeichnete Live Vorlesungen von 90% der Teilnehmer als asynchrone Methode verwendet. Die synchronen Methoden finden besonders im Master eine hohe Verwendungsrate und liegen immer zwischen 80% und 100% (Live Vorlesung, Breakout Rooms, Gruppenarbeiten, Event Management Tools, Whiteboards, Präsentationen und Diskussionen). Bei den Teilnehmern aus dem  Bachelor erreichen lediglich die ersten 3 Methoden diese Verwendungsrate.

Abbildung 1: Sinnhaftigkeit der einzelnen asynchronen Methoden
Abbildung 2: Sinnhaftigkeit der einzelnen synchronen Methoden

Über alle Methoden hinweg werden jedoch nur die Aufzeichnung der Live Vorlesung, die Live Vorlesung selbst und die Gruppenarbeiten von keinem Masterstudenten als sinnlos eingeschätzt. Für die Bachelorstudenten gilt dies lediglich für die Live Vorlesungen. Am schlechtesten schneidet die asynchrone Methode Literaturarbeit ab, welche von 26% als sinnlos angesehen wird.

Spezifisch für den Lernerfolg sehen die Masterteilnehmer die aufgezeichnete Live Vorlesung als am besten geeignete asynchrone Methode an (56%) und Bachelorteilenehmer die vorproduzierte Vorlesung (44%). Am schlechtesten wird die Literaturarbeit (34%) und das Forum (31%) bewertet. Bei den synchronen Methoden wird der Lernerfolg bei den Gruppenarbeiten am besten eingeschätzt (46%), gefolgt von den Live Vorlesungen (37%). Interessant ist jedoch, dass ebenso 21% der Bachelorteilnehmer die Live Vorlesung als am schlechtesten einschätzen.

Insgesamt gefällt den Teilnehmer am Online Semester besonders der Methoden-Mix aus synchron und asynchron innerhalb eines Moduls, die große Verwendung asynchroner Inhalte zur besseren Nachbereitung, die zeitliche und räumliche Flexibilität sowie die Interaktionen innerhalb der Live Vorlesungen.

Negativ wird jedoch die Qualität einiger vorproduzierter Vorlesungen angemerkt, welche lediglich das Skript wiedergeben. Auch Live Vorlesungen ohne jeglicher Interaktionen zwischen Teilnehmern und Lehrenden sowie die Durchführung von Breakout Rooms werden kritisiert. Außerdem wünschen sich die Teilnehmer mehr Einheitlichkeit in der Durchführung der Veranstaltungen und Organisation. Negativ wird ebenso angesehen, dass die Kontaktmöglichkeiten erschwert sind und es häufiger zu Motivations- und Disziplinsproblemen bei den Bachelorteilnehmern kommt.

Konzeptioneller Leitfaden

Blended Learning stellt die Lehrenden vor neue Herausforderungen, da die Lerninhalte über einen größeren Gestaltungsfreiraum übermittelt werden können. Für diese Konzepterstellung gibt es jedoch unterschiedliche Herangehensweisen. Die Analyse einiger theoretischer und praktischer Ansätze führte zu der Definition der folgenden zusammengefassten konzeptionellen Schritte:

  1. Definition der Zielgruppe und Analyse der Vorqualifikationen
  2. Evaluation der technischen und organisatorischen Rahmenbedingungen
  3. Definition der Lehrziele und Bestimmung der Lehrinhalte
  4. Auswahl der zu den Lehrinhalten passenden Methoden
  5. Auswahl der zu den Methoden passenden Lernmedien

Für den Studiengang E-Commerce an der FH Wedel ergibt sich somit folgende Anwendung des konzeptionellen Leitfadens:

  1. Der Studiengang setzt sich im SoSe 2021 aus 24% weiblichen und 76% männlichen Personen im Bachelor sowie 53% weiblichen und 47% männlichen Personen im Master zusammen. Auf Basis der Umfrage ergibt sich eine Altersrange von 19 bis 30 Jahren. Zusätzlich ist anzunehmen, dass die Zielgruppe digital affin ist sowie interessiert an technologischen und betriebswirtschaftlichen Zusammenhängen im Online-Handel. Die Vorqualifikationen setzen sich zusammen aus dem jeweiligen Fachsemester und den somit absolvierten Modulen sowie dem Vorstudium. Auf Grund der unterschiedlichen Hintergründe der Masterstudenten müssen einige zusätzlichen Übergangsmodule zusätzlich absolviert werden, um einen einheitlichen Wissenstand zu ermöglichen.
  2. Innerhalb der FH Wedel stehen Hörsäle, Seminarräume und Rechenzentren mit Beamern sowie flächendeckendes Drahtlosnetzwerk für die Lehre zur Verfügung. Digital werden außerdem das Lernmanagementsystem Moodle, das Video-Konferenztool Zoom, die Arbeitsplattform Microsoft Teams und die Plattform Microsoft Streams bereitgestellt. Die Dozenten können das Repertoire beliebig durch weitere kostenlose Dienste (z.B. Menti, Miro) oder Testversionen (z.B. SPSS) ergänzen. Organisatorisch müssen sich die Dozenten an den Studienordnungen und Modulhandbüchern orientieren.
  3. Die Lehrziele müssen durch die Dozenten selbst festgelegt werden. Darauf basierend bestimmen sie ebenfalls die Lehrinhalte ihrer hochschulischen Veranstaltungen. Die Lehrziele und -inhalte sind in den Modulhandbüchern zu finden und werden im Vorwege von einer unabhängigen Akkreditierungskommission geprüft.
  4. Der richtige Methoden-Mix muss für jedes Modul individuell bestimmt werden, da sich dieser an den jeweiligen Lehrzielen und -inhalten sowie methodischen Präferenzen der Teilnehmer orientiert. Für reine Wissensvermittlung und -festigung eignen sich bspw. asynchrone Methoden, wie Micro Learning oder E-Lectures. Für interaktives Lernen können synchronen Methoden, wie Live-Vorlesungen oder Whiteboards genutzt werden. Für Teamorientiertes Arbeiten hingegen sind Gruppenarbeiten mit Transferaufgaben sinnvoll. Besondere Relevanz hat in diesem Punkt außerdem die regelmäßige Evaluation, um das Feedback der Studenten im Konzept zu berücksichtigen und dieses weiter zu überarbeiten.
  5. Einige Methoden geben die Lermedien fest vor (E-Lectures, Video on Demand). Bei den anderen Methoden sollte auf einen Medien-Mix gesetzt werden. Es gilt aber, dass die didaktisch optimale Planung mehr Relevanz hat als alle technischen Umsetzungsmöglichkeiten auszuschöpfen.

Ausblick

Für eine langfristige Integration von Blended Learning an der FH Wedel sollten zu dem Thema die Meinungen aller Studenten und Dozenten erhoben werden, da sich die Lehrform grundlegend ändern würde. Bei einer Einführung sollte den Dozenten Schulungen oder Hilfestellungen von Seiten der Hochschule zur Transformation ihres Lehrangebots angeboten werden. Je nach Wunsch des Integrationsgrades könnte die FH die Dozenten verpflichten einige Blended Learning Methoden anzubieten oder zumindest die Rahmenbedingungen schaffen, um den Dozenten Flexibilität in der Gestaltung zu überlassen.

Speziell für den Studiengang E-Commerce scheint ein positives Meinungsbild zu herrschen, weswegen Blended Learning Konzepte weiterhin erstellt, laufend getestet und evaluiert werden sollten.

Quellen:

  • Welker, Jan / Berardino, Lisa: doi:10.2190/67fx-b7p8-pyux-tdup

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