Einleitung: Warum Sephora?
Der Einzelhandel befindet sich seit Jahren in einem tiefgreifenden Strukturwandel. E-Commerce, Plattformökonomie und ein verändertes Konsumentenverhalten zwingen Händler dazu, klassische Verkaufsmodelle neu zu denken (vgl. Kotler & Keller, 2016). Besonders deutlich zeigt sich diese Entwicklung im Beauty-Markt: Konsument:innen erwarten heute nicht mehr nur Produkte, sondern Inspiration, Beratung, Personalisierung sowie ein nahtloses Zusammenspiel zwischen Online- und Offline-Kanälen (vgl. Bruhn, 2022).
Vor diesem Hintergrund gilt Sephora als eines der international erfolgreichsten Beispiele für Multichannel Retailing im Beauty-Segment. Das Unternehmen verbindet stationäre Stores, E-Commerce, App, Social Media, Community-Ansätze und datengetriebene Personalisierung zu einer integrierten Customer Experience (vgl. Lemon & Verhoef, 2016). Ziel dieses Blogbeitrags ist es, Sephora anhand zentraler Modelle aus der Vorlesung zu analysieren und daraus praxisorientierte Handlungsempfehlungen abzuleiten.
Unternehmensüberblick: Was ist Sephora?
Sephora wurde 1969 in Frankreich gegründet und gehört heute zum Luxusgüterkonzern LVMH (vgl. Business Insider, 2017). Das Unternehmen ist kein klassischer Hersteller, sondern ein Multi-Brand-Retailer, der Kosmetik-, Pflege-, Duft- und Beauty-Marken unter einem Dach vereint. Charakteristisch ist das sogenannte Open-Sell-Konzept, bei dem Kund:innen Produkte frei testen, ausprobieren und vergleichen können (vgl. Kotler & Keller, 2016).
Heute betreibt Sephora weltweit rund 3.000 Stores in über 35 Ländern und ist zusätzlich stark im digitalen Handel positioniert (vgl. Vogue Germany, o. J.). In Deutschland erfolgte der Markteintritt 2017 zunächst über Shop-in-Shop-Flächen, bevor ab 2019 eigene Filialen eröffnet wurden (vgl. Gründel, 2017; stores+shops, 2019). Diese Entwicklung verdeutlicht bereits einen zentralen Erfolgsfaktor: Sephora versteht Handel nicht als einzelnen Kanal, sondern als vernetztes System.
Geschäftsmodellanalyse mit dem Business Model Canvas

Zur strukturierten Analyse des Geschäftsmodells wird das Business Model Canvas nach Osterwalder & Pigneur (2010) herangezogen.
Value Proposition: Mehrwert für Kund:innen und Marken
Im Zentrum des Geschäftsmodells steht ein klares Wertversprechen. Für Kund:innen bietet Sephora:
- Zugang zu hochwertigen, zugleich erschwinglichen Beauty- und Luxusprodukten
- Exklusive Marken, die nicht flächendeckend im Wettbewerb erhältlich sind
- Innovative Einkaufserlebnisse wie digitale Beratung, AR-Anwendungen und Loyalty-Programme
(vgl. BusinessModelAnalyst, o. J.; Cotera, 2024)
Für Marken fungiert Sephora als Plattform: Kleinere, aufstrebende Brands erhalten Reichweite, Sichtbarkeit und Zugang zu internationalen Märkten. Etablierte High-End-Marken nutzen Sephora als Expansionskanal und profitieren vom Store-Netzwerk, von Kundendaten sowie von Marketing- und Retail-Kompetenz (vgl. BeautyMatter, 2023).
Kundensegmente
Die primäre Zielgruppe von Sephora sind beauty-affine Konsument:innen im Alter von etwa 18 bis 35 Jahren, die stark social-media-geprägt sind und Trends schnell adaptieren. Gleichzeitig adressiert Sephora zunehmend kaufkräftigere Zielgruppen, insbesondere im Bereich Skincare und Parfum (vgl. Vogue Germany, o. J.). Diese Segmentierung ermöglicht es, unterschiedliche Preispunkte, Marken und Services anzubieten, ohne die Markenidentität zu verwässern.
Kanäle und Kundenbeziehungen
Sephora nutzt eine Vielzahl an Kanälen, darunter stationäre Stores, Online-Shop, App, Social Media und Community-Formate. Entscheidend ist dabei nicht die Anzahl der Kanäle, sondern deren Integration. Kundenbeziehungen werden langfristig über Personalisierung, Loyalty-Programme und Community-Ansätze aufgebaut, was ein klassisches Beispiel für relationale statt rein transaktionale Kundenbeziehungen darstellt (vgl. Bruhn, 2022).
Handelswertschöpfungskette und hybride Vertriebsstruktur
In der Handelswertschöpfungskette nimmt Sephora eine hybride Rolle ein. Das Unternehmen agiert sowohl als klassischer Einzelhändler als auch als Plattform- und Markenanbieter (vgl. Behrens, 2021).
Der direkte Vertrieb erfolgt über den eigenen Online-Shop, die App sowie über exklusive Eigen- und Partnermarken. Der indirekte Vertrieb findet statt, indem externe Marken das Sephora-Netzwerk als Absatzkanal nutzen.
Diese Kombination ermöglicht eine hohe Kontrolle über Sortiment, Preisgestaltung und Kundendaten und unterstützt eine konsequente Omnichannel-Strategie.

Vereinfachte Darstellung der Handelswertschöpfungskette von Sephora (nach Schröder)
Wettbewerbspositionierung: Das Spider-Web-Modell
Zur Einordnung im Wettbewerbsumfeld wird das Spider-Web-Modell nach Finne & Sivonen (2009) herangezogen. Sephora positioniert sich dabei klar im Premiumsegment und liegt preislich über dem Marktdurchschnitt, bietet jedoch gleichzeitig eine außergewöhnlich hohe Sortimentsbreite und -tiefe.
Weitere Differenzierungsmerkmale sind:
- Schnelle Sortimentsaktualisierung und hohe Innovationsdynamik
- Globale Präsenz mit starker digitaler Infrastruktur
- Erlebnisorientierte Stores mit Beauty Bars, Duftzonen und durchdachten Ladenkonzepten
- Ergänzende Dienstleistungen wie Workshops, Make-up-Services und individuelle Beratung
Die Wettbewerbsposition von Sephora wird in Abbildung 2 visualisiert.

Spider-Web-Darstellung der Wettbewerbsposition von Sephora (nach Finne & Sivonen 2009)
Multi-Channel-Strategie: Welche Kanäle nutzt Sephora?
Sephora nutzt ein breites Spektrum an Kanälen, die sich in digitale, stationäre und Omnichannel-Kanäle unterteilen lassen.
Zu den digitalen Kanälen zählen der Online-Shop, die mobile App, AR- und KI-Tools (z. B. Virtual Try-On) sowie Kommunikationskanäle wie Social Media, Newsletter, Push-Nachrichten, SEO und Paid Advertising (vgl. JPMorgan, 2024).
Die stationären Stores dienen nicht nur dem Verkauf, sondern auch als Service- und Erlebnisräume mit Beratung, Make-up-Services, Testern und Pop-up-Formaten.
Die Omnichannel-Verknüpfung erfolgt über Click & Collect, Reserve & Try, In-Store-Tablets und mobile Checkouts. Dadurch werden digitale und physische Touchpoints nahtlos miteinander verbunden.
Kanalnutzung entlang des Customer Buying Cycle
Die Kanalstrategie lässt sich entlang des Customer Buying Cycle erklären, wie er auch in der Vorlesung vorgestellt wurde (vgl. Derheld, 2025):
- Anregung: Social Media, Influencer-Marketing, Trendkampagnen
- Evaluation: Website, App, AR-Tools, Reviews, In-Store-Beratung
- Kauf: Online-Shop, App, stationäre Stores
- After-Sales: E-Mail, App, Kundenservice, Loyalty-Programm
Durch diese kanalübergreifende Begleitung wird die Customer Experience optimiert und die Kundenbindung nachhaltig gestärkt (vgl. Lemon & Verhoef, 2016).
Zukunftsperspektiven: Was wird aus Sephora?
Das Wachstumspotenzial von Sephora liegt zukünftig weniger im reinen Ausbau stationärer Stores, sondern vor allem in der weiteren Vernetzung aller Touchpoints.
Community-Driven Commerce gewinnt an Bedeutung, indem Reviews, Tutorials, Beauty-Circles und Events Kund:innen zu aktiven Mitgestalter:innen machen. Vertrauen und Wiederkauf entstehen dadurch zunehmend aus Community-Interaktion statt ausschließlich aus klassischer Werbung (vgl. Retail Dive, 2023).
Zudem wird der Einsatz von Künstlicher Intelligenz weiter ausgebaut. Virtuelle Beratung, Hautanalysen und personalisierte Produktempfehlungen reduzieren Kaufunsicherheiten und steigern Conversion sowie Loyalität (vgl. JPMorgan, 2024).
Social Media entwickelt sich zunehmend zu einem direkten Sales-Kanal, etwa durch Live-Shopping-Formate, ergänzt durch Kooperationen und Pop-up-Konzepte zur Erschließung neuer Zielgruppen.
Damit entwickelt sich Sephora vom klassischen Händler hin zu einer integrierten Beauty-Plattform, die Content, Community und Commerce miteinander verbindet.
Fazit und Handlungsempfehlungen
Sephora zeigt eindrucksvoll, wie Multichannel Retailing im Beauty-Handel erfolgreich umgesetzt werden kann. Die konsequente Verzahnung der Kanäle, datenbasierte Personalisierung und ein starkes Erlebnisversprechen ermöglichen eine klare Differenzierung vom Wettbewerb.
Handlungsempfehlungen für vergleichbare Händler sind:
- Weiterer Ausbau der App als zentraler Omnichannel-Hub
- Stärkere Nutzung von KI zur Individualisierung der Customer Journey
- Systematische Integration von Community-Formaten in Store und App
- Ausbau von Cross-Industry-Partnerschaften zur Reichweitensteigerung
Langfristig besitzt Sephora das Potenzial, sich als modernster Beauty-Retailer im deutschsprachigen Markt zu etablieren.
Quellenverzeichnis
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