Von der Idee zum Live-Shop: Unser Shopify-Projekt mit „Atelier Lieblingswerke“ 

In dem Modul Online Plattform – Konzeption & Aufbau stand für uns nicht die Theorie im Vordergrund, sondern ein durchgängiges Praxisprojekt: Wir sollten für einen selbstgewählten Praxispartner einen funktionsfähigen Online-Shop mit Shopify konzipieren, aufbauen und so weit operationalisieren, dass zentrale E-Commerce-Prozesse im Alltag tatsächlich nutzbar sind. 

Das klingt zunächst nach einem klassischen Setup aus Theme-Auswahl, Produktpflege und ein paar Zahlungsarten. In der Umsetzung zeigte sich jedoch schnell: Ein Shop ist nicht „fertig“, wenn er gut aussieht – er ist dann einsatzbereit, wenn Prozesse, Verantwortlichkeiten, Kommunikation und Datenpflege stabil funktionieren.

Der Praxispartner: Martina – Handarbeit mit Haltung

Unsere Praxispartnerin Martina, entdeckte früh in ihrem Leben Ihre Leidenschaft: Das Nähen. Um zu verstehen, was in diesem Projekt wichtig war, muss man zunächst verstehen, wie Martina ihr Handwerk beschreibt – nicht als Nebenprodukt, sondern als Kern ihrer Identität: 

„Nähen bedeutet für mich Freiheit.“ 

Martina begleitet das Nähen „schon seit sie denken kann“. Es ist für sie „pure Freude“ und „mehr als nur ein Handwerk“ – eine Leidenschaft, die sie von ihrer Mutter geerbt hat. Besonders prägnant ist dabei ihr Verständnis von kreativer Selbstwirksamkeit: Nähen ist die Freiheit, „Kreativität auszuleben“, „Ideen Wirklichkeit werden zu lassen“ und der „inneren Welt Ausdruck zu verleihen“. 

Das lässt sich auch betriebswirtschaftlich lesen: Hinter jedem Produkt steht nicht nur Materialeinsatz und Zeitaufwand, sondern eine Markenerzählung, die im Onlinehandel nicht automatisch sichtbar ist. Gerade bei handgenähten Einzelstücken, Geschenkideen oder Dekoration entsteht Differenzierung weniger über Preis als über Story, Qualität, Vertrauen und Individualität

Martina formuliert es sinngemäß so: Jeder Stoff und jede Naht erzählt eine kleine Geschichte. Und die Zufriedenheit entsteht dann, wenn ein Stück „jemandem ein Lächeln schenkt oder einen Raum wärmer macht“. 

Für uns war damit früh klar: Der Shop sollte nicht nur „verkaufen“, sondern diese Haltung übersetzen – in Produktdarstellung, Struktur, Prozesse und eine Kommunikationslogik, die zu einem Handarbeitsatelier passt.

Projektziel: Handgenähte Produkte professionell online verkaufen

Das Projektziel war eindeutig: Handgenähte Produkte sollten online verkaufbar werden – insbesondere: 

  • Geschenkideen 
  • Dekoartikel 
  • Taschen 

Der Fokus lag auf einem Shop, der sowohl kundenseitig (Shopfront, Checkout, Service-Informationen) als auch betreiberseitig (Produktanlage, Bestellabwicklung, Rückerstattungen, Retourenlogik) tragfähig ist. 

Im Sinne eines praxisnahen Plattformaufbaus bedeutete das: 

  1. Shopify als Plattform auswählen und konfigurieren 
  1. Struktur und Navigation konzipieren (Kategorien, Kollektionen, Produktseitenlogik) 
  1. Standardprozesse definieren und implementieren 
  1. Teamarbeit und Aufgabenverteilung organisieren 
  1. Abstimmung mit dem Praxispartner sicherstellen (Anforderungen, Feedback, Abnahme) 

Das Ziel war nicht, ein maximal individualisiertes D2C-Erlebnis zu bauen, sondern einen funktionierenden MVP-Shop, der „betriebsbereit“ ist – inklusive belastbarer Abläufe.

Shopify als Lernkurve: Von Website-Baukasten zu Prozessplattform

Ein wesentlicher Teil der Herausforderung bestand darin, dass Shopify zwar als einfach gilt, aber in der Realität viele konzeptionelle Entscheidungen erzwingt. Shopify ist weniger ein Webdesign-Tool als ein E-Commerce-Betriebssystem mit klaren Datenstrukturen und Prozesslogiken: 

  • Produkte sind nicht nur Texte und Bilder, sondern Datensätze mit Varianten, Beständen, Versandprofilen, Steuern. 
  • Kollektionen sind nicht nur Kategorien, sondern häufig regelbasiert und damit Teil einer skalierbaren Sortimentslogik. 
  • Checkout und Zahlungsabwicklung sind stark standardisiert – was Vorteile (Conversion, Sicherheit) bringt, aber auch Grenzen (Customizing) setzt. 
  • Order Management ist eng mit Fulfillment, Refunds und Statuslogiken verzahnt. 

Für uns hieß das: Wir mussten uns zunächst in Shopify einarbeiten – sowohl funktional als auch konzeptionell. Viele Dinge, die man aus klassischen Webprojekten kennt (z. B. „wir bauen das Menü so, wie wir es wollen“) sind in Shopify enger an das Datenmodell gekoppelt. 

Zudem spielt Shopify seine Stärken erst aus, wenn man die Plattform als prozessgetriebenes System versteht: Wer Status, Rückerstattung, Retoure und Produkt-Onboarding nicht sauber denkt, baut zwar einen Shop – aber keinen Betrieb.

Teamarbeit als Engpass: Erst Chaos, dann Kanban

Mindestens genauso prägend wie die Plattform war die Teamorganisation. In der Anfangsphase war die Arbeit im Team eine Herausforderung. Das ist kein ungewöhnliches Muster in Projektmodulen: Rollen sind nicht geklärt, Aufgaben werden parallel oder doppelt bearbeitet, Abhängigkeiten werden zu spät erkannt, und Kommunikation läuft teils über verschiedene Kanäle. 

Bei uns hat es gedauert, bis wir uns zusammen organisiert haben. Der Wendepunkt kam, als wir uns auf eine Form von Kanban-System verständigt haben, um Aufgaben sichtbarer zu machen und effektiver zu verteilen. 

Schon in einem kleinen studentischen Projekt zeigt sich, wie schnell man ohne Work-in-Progress-Limits, klare Zuständigkeiten und transparente Backlogs in Ineffizienz rutscht. Kanban hat uns geholfen, drei Dinge zu stabilisieren: 

  1. Priorisierung: Was muss zuerst fertig sein, um Folgearbeiten zu ermöglichen? 
  1. Verantwortung: Wer liefert was bis wann – und wer reviewed? 
  1. Abhängigkeiten: Welche Aufgaben brauchen Input (z. B. Produktinfos, Bilder, Preise)? 

Diese Struktur war entscheidend, um Shopify nicht nur „irgendwie“ zu konfigurieren, sondern den Shop iterativ und nachvollziehbar aufzubauen. 

Praxispartner-Kommunikation: Wenn Feedbackzyklen zum Risiko werden 

Ein weiterer erschwerender Faktor war die aus unserer Sicht beschwerliche Kommunikation mit dem Praxispartner. Das soll kein Vorwurf sein – es ist vielmehr ein realistisches Abbild dessen, was viele E-Commerce-Projekte betrifft: 

Gerade bei kleinen Manufakturen oder Solo-Selbstständigen sind Ressourcen knapp, Tagesgeschäft ist priorisiert, und die Anforderungen liegen häufig implizit vor („ich weiß, wenn ich es sehe“). Gleichzeitig braucht ein Plattformprojekt möglichst konkrete Inputs: 

  • Produktdaten (Material, Maße, Varianten, Pflegehinweise) 
  • Bildmaterial und Bildstil 
  • Preislogik und Versandbedingungen 
  • Markenworte: Tonalität, Story, Werte 
  • Entscheidungen zu Rückgabe- und Stornoregeln 

Wenn diese Informationen nur verzögert kommen, verschiebt sich der kritische Pfad. Für uns bedeutete das: Wir mussten stärker als geplant mit Annahmen, Zwischenabnahmen und Prototyping arbeiten, um den Shop trotzdem fertigzustellen. 

Aus professioneller Sicht ist das ein relevanter Lernpunkt: In Plattformprojekten ist Stakeholder-Management kein „Soft Skill“, sondern ein harter Erfolgsfaktor. Eine technisch perfekte Umsetzung kann wertlos sein, wenn Inhalte und Entscheidungen fehlen.

Ergebnis: Ein funktionsfähiger Online-Shop „Atelier Lieblingswerke“ 

Trotz der genannten Herausforderungen ist das zentrale Ergebnis klar: Wir haben einen funktionierenden Online-Shop mit Shopify aufgebaut – inklusive implementierter Standardprozesse, sodass Martina den Shop grundsätzlich im Alltag nutzen und fortführen kann. 

Wichtig ist: „Funktionierend“ meint nicht nur „live und bestellbar“, sondern betriebsfähig entlang typischer E-Commerce-Abläufe. Dazu gehören insbesondere die folgenden Standardprozesse, die wir erfolgreich implementiert haben.

Implementierte Standardprozesse: Vom Kauf bis zur Rückerstattung

1) Bestellung: Vom Eingang bis zum Versand 

Der Bestellprozess ist der Kern jeder Commerce-Plattform – und gleichzeitig eine Quelle für viele operative Fehler, wenn Statuslogiken nicht sauber sind. Wir haben den Ablauf so gestaltet, dass er für Martina als Betreiberin nachvollziehbar ist: 

  • Eingang der Bestellung mit klarer Zuordnung zu Kunde, Produkten, Zahlungsstatus 
  • Vorbereitung für Fulfillment (Pick/Pack-Logik im Kleinen, aber strukturell vorhanden) 
  • Versandabwicklung mit den notwendigen Statusschritten 
  • Kommunikation an den Kunden entlang der Standard-Notifications 

Für einen handgemachten Shop ist besonders wichtig: Die Erwartungen müssen realistisch gemanagt werden. Lieferzeiten und Produktionszeiten können schwanken – darum ist Transparenz auf Produkt- und Serviceseiten entscheidend. 

2) Stornierung: Von Ankündigung bis Rückerstattung 

Stornierungen sind nicht nur „Kundenservice“, sondern berühren Zahlungsabwicklung, Buchhaltung und Prozesssicherheit. Wir haben den Prozess von der Ankündigung bis zur Rückerstattung (inklusive ggf. bereits geleisteter Zahlungen) berücksichtigt. 

Wesentliche Punkte dabei: 

  • klare Entscheidung, ob Storno vor Versand oder nach Versand erfolgt 
  • saubere Refund-Logik, damit keine „Schattenfälle“ entstehen 
  • Dokumentation der Schritte, sodass Martina im Betrieb sicher handeln kann 

Gerade bei kleinen Shops ist das Risiko groß, dass Stornos ad hoc über Nachrichten abgewickelt werden – ohne Systemstatus. Genau das wollten wir vermeiden. 

3) Retoure: Von Anmeldung bis Rückerstattung 

Retouren sind ein Kosten- und Prozessfaktor – auch bei handgemachten Produkten. Gleichzeitig müssen sie kundenfreundlich geregelt sein. Wir haben einen Prozess berücksichtigt, der von der Anmeldung/Ankündigung bis zur Rückerstattung reicht (inklusive ggf. bereits geleisteter Zahlungen). 

Dabei ging es weniger um ein vollautomatisiertes RMA-System (das wäre für ein kleines Atelier oft Overkill), sondern um: 

  • definierte Schritte 
  • klare Informationspunkte für Kunden 
  • eine Systemlogik, die Rückerstattungen sauber abbildet 

4) Onboarding neuer Artikel 

Ein wachsender Shop lebt davon, dass neue Artikel zügig und konsistent online gebracht werden können. Darum war uns der Prozess des Onboarding neuer Artikel wichtig: nicht als einmalige Produktanlage, sondern als wiederholbarer Workflow. 

Zentrale Bausteine: 

  • konsistente Produktstruktur (Titel, Beschreibung, Merkmale) 
  • saubere Bildlogik (Hauptbild, Detailbilder, ggf. Anwendungsbilder) 
  • Preis- und Versandparameter 
  • Einordnung in Kollektionen/Kategorien 
  • ggf. Variantenlogik (Größe, Farbe, Materialauswahl), soweit relevant 

Gerade hier liegt ein Skalierungshebel: Wenn Onboarding chaotisch ist, wird Sortimentserweiterung schnell zum Stressfaktor.

Was wir fachlich mitnehmen: Plattformaufbau ist mehr als Shopdesign 

  1. Plattformkompetenz entsteht durch Prozesse, nicht durch Theme-Auswahl. 
  1. Teamorganisation ist Teil der technischen Umsetzung, weil sie Durchsatz, Qualität und Geschwindigkeit bestimmt. 
  1. Stakeholder-Kommunikation ist ein Projektrisiko, das aktiv gemanagt werden muss (Feedbackschleifen, Abnahmen, Dokumentation). 
  1. Standardprozesse sind das Rückgrat: Order, Storno, Retoure, Produkt-Onboarding – ohne diese vier Säulen bleibt ein Shop ein „Showroom“. 
  1. Marke braucht Übersetzung: Martinas „Nähen bedeutet Freiheit“ ist nicht nur ein schöner Satz, sondern eine Leitidee für Tonalität, Bildwelt, Produkttexte und Social Content. 

Ausblick: Kundenansprache und Mehrwert durch Content und Customizing

Der Shop ist aufgebaut – aber der Markterfolg beginnt erst nach dem Launch. Für Atelier Lieblingswerke sehen wir vor allem drei Entwicklungslinien, die Martina auch selbst adressieren möchte: 

1) Social Media als gezielte Kundenansprache 

Durch Social Media Beiträge und Videos kann eine passgenaue Zielgruppenansprache erfolgen. Für handgemachte Produkte ist Content nicht nur Marketing, sondern Teil des Produkterlebnisses: 

  • Entstehungsprozesse (Behind the Scenes) 
  • Materialkunde und Pflege 
  • Geschenkideen nach Anlass (Geburtstag, Einzug, Hochzeit) 
  • Vorher/Nachher, „Making of“, kleine Tutorials 

Kurz: Storytelling reduziert Preisdruck und erhöht wahrgenommenen Wert. 

2) Mehrwert durch Customizing einzelner Artikel 

Ein zentraler Differenzierungshebel im Handmade-Segment ist Customizing: Personalisierung, Stoffauswahl, kleine Varianten, Bestickung, Maßoptionen. 

Wichtig ist hier die operative Umsetzung: Customizing muss so gestaltet sein, dass es nicht den gesamten Fulfillment-Prozess destabilisiert. Sinnvoll sind: 

  • klar definierte Optionen (statt „schreib einfach in die Nachricht“) 
  • transparente Aufpreise und Lieferzeiten 
  • strukturierte Eingabefelder (z. B. Personalisierungstext) 
  • klare Grenzen dessen, was möglich ist 

Wenn das sauber umgesetzt wird, entsteht echter Mehrwert – und ein überzeugendes Argument, warum Kundinnen und Kunden nicht bei standardisierten Massenprodukten kaufen. 

3) Kontinuität: Der Praxispartner möchte den Shop fortführen 

Ein starkes Projektergebnis ist, dass Martina den Shop weiterführen möchte. Das ist ein guter Indikator dafür, dass nicht nur ein akademisches Artefakt entstanden ist, sondern ein System, das sich im Alltag nutzen lässt.

Fazit: Ein Shop ist ein Betrieb – und genau das haben wir gebaut

Unser Shopify-Projekt im Modul „Online Plattform – Konzeption & Aufbau“ hat gezeigt, was E-Commerce in der Praxis bedeutet: nicht nur ein Online-Auftritt, sondern ein Zusammenspiel aus Plattformlogik, Prozessdesign, Content und Zusammenarbeit. 

Trotz Einarbeitung in Shopify, anfänglicher Teamorganisation und schwieriger Kommunikationsphasen mit dem Praxispartner haben wir am Ende einen funktionsfähigen Online-Shop „Atelier Lieblingswerke“ aufgebaut – inklusive implementierter Standardprozesse für Bestellung, Storno, Retoure und Produkt-Onboarding. 

Und vielleicht ist das der passendste Bogen zurück zu Martina: Wenn Nähen Freiheit bedeutet, dann ist ein gut aufgesetzter Shop ein Stück betriebliche Freiheit – weil er kreative Arbeit in einen verlässlichen Vertriebskanal übersetzt. 

Das Projekt hat trotz der anfänglichen Hürden riesig Spass gemacht und für mich persönlich eine steile Lernkurve, im Sinne von – in kurzer Zeit viel gelernt, hervorgebracht.

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